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Rede Professor Dr. Norbert Lammert anlässlich des Sommerempfangs der FAKT AG

Rede Professor Dr. Norbert Lammert anlässlich des Sommerempfangs der FAKT AG Unternehmensgruppe am 5. Juli 2018 im Shamrockpark Herne

 "Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender, lieber Hubert, 

Herr Oberbürgermeister, 

liebe Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, 

meine Damen und Herren,

die Einladung zur Mitwirkung an diesem Sommerempfang habe ich nach kurzer, kritischer Betrachtung meines Terminkalenders gerne angenommen.

Zum einen, weil es ungemütlichere Veranstaltungen als Sommerfeste gibt und damals, als wir über diesen Termin sprachen, konnte ich noch gar nicht wissen, wie ungemütlich die Veranstaltungen in Berlin in den Tagen unmittelbar vor dieser Veranstaltung sein würden. Zweitens aus einer jahrelangen freundschaftlichen Verbundenheit zu Hubert Schulte-Kemper, die weit ins letzte Jahrhundert zurück reicht und und drittens wegen des genius loci, einem Gelände, das mir natürlich bestens vertraut ist. Es ist mehr als ein schöner Zufall, dass ich jetzt unmittelbar von einer Aufsichtsratssitzung der RAG komme, die bis vor wenigen Monaten jahrelang genau hier stattgefunden hat. Jedenfalls hat der gemütlichere Teil der Aufsichtsratssitzungen regelmäßig hier stattgefunden. Und mit den Veränderungen, die sich aus diesem Ortswechsel des einen und des anderen Unternehmens ergeben, bin ich eigentlich schon bei dem Thema, über das ich heute Nachmittag ein bisschen mit Ihnen gemeinsam nachdenken möchte.

Ich beginne mit einem zugegebenermaßen nur begrenzt originellen Eingangssatz, dass wir in einer Zeit von ungewöhnlich vielen und ungewöhnlich schnellen Veränderungen leben. Der zweite Satz ist vielleicht schon eine Spur origineller, dass wir bei vielen der Veränderungen, die wir beobachten oder die wir vermuten, ihre tatsächlichen Wirkungen noch gar nicht kennen und uns insofern auf Entwicklungen einstellen müssen, von denen relativ sicher ist, dass sie uns an vielen Stellen aus vertrauten Strukturen entfernen werden, ohne die Alternativen schon zu kennen, in denen ganz bestimmt die neuen Arbeitsplätze, die neuen Wachstumschancen und die neuen Zukunftsperspektiven liegen.

Nicht alle, aber fast alle jedenfalls bedeutenden großflächigen Veränderungen, die wir erleben, haben direkt und indirekt mit der Digitalisierung zu tun. Sie ist eine der ganz großen technologischen Innovationsschübe, die ganz sicherlich die erste in der Wirtschaftsgeschichte der jüngeren Vergangenheit ist. Es hat mit erheblichen Wirkungen in den letzten 200-250 Jahren vergleichbar bedeutende technologische Sprünge gegeben. Aber manches spricht für die Vermutung, dass die heute schon absehbaren und insbesondere die noch nicht absehbaren Wirkungen der Digitalisierung noch über das hinausgehen werden, was mit der Erfindung der Dampfmaschine, mit der Erfindung der Elektrizität, des Telefons, des Fernsehens und vermutlich auch des Automobils und der Kernenergie verbunden war. Die Digitalisierung revolutioniert im wörtlichen und übertragenen Sinne die vertrauten Verhältnisse – sowohl im Bereich der Wirtschaft wie im Bereich der Politik – wobei ich persönlich den Verdacht habe, dass die absehbaren Wirkungen für die Politik heute nicht einmal in einer ähnlichen Weise ernsthaft reflektiert werden, wie das die Wirtschaft längst tun muss, weil sie mit den stattfindenden Veränderungen durch Digitalisierung natürlich längst unmittelbar konfrontiert ist.

Ich will aber auch nicht nur mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen, sondern auch mit Blick auf manche Erfahrungen, die wir in jüngerer Vergangenheit gemacht haben, in Erinnerung rufen, dass nicht jeder Wandel eine Innovation darstellt und auch nicht jede Veränderung eine Errungenschaft ist. Auch da haben wir sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik in den letzten Jahren manche Erfahrungen gemacht. Darunter auch solche, die wir lieber nicht gemacht hätten. Und nicht alles, was als neue Ufer ausgegeben wird, erweist sich am Ende auch als sichere Adresse. Gelegentlich sind wir da auch hinter einer Fata Morgana hinterher und es dauert erstaunlich lange Zeit, bis wir begriffen haben, dass es sich um eine solche handelt.

Wenn ich gelegentlich mich mit der Frage beschäftige, wie gehen wir als Gesellschaft, als Staat, wie gehen wir in sozialen Organisationen, in Unternehmen mit den Veränderungen um? Und jetzt meine ich nicht die kleinteilige, operative Bewältigung solcher Veränderungsprozesse, sondern die Grundeinstellung, mit denen wir solchen Veränderungsprozessen begegnen. Dazu gibt es, glaube ich, zwei Grundeinsichten, die es lohnt, im Auge zu behalten. Das eine ist die Erfahrung, dass ohne stabile Rahmenbedingungen eine Gesellschaft Veränderungen nicht bewältigt. Dass es ein Mindestmaß an belastbaren, kalkulierbaren Bedingungen geben muss, auf die sich alle Beteiligten verlassen können müssen, wenn sie die Risiken eingehen sollen, die sich aus Veränderungsprozessen nun einmal zwingend ergeben. Und die andere weniger populäre Einsicht könnte lauten: Ohne Veränderungen bleibt eine Gesellschaft nicht stabil. Oder noch einmal anders formuliert: Ohne Stabilität lassen sich Veränderungen nicht bewältigen, aber ohne Veränderung lässt sich die Stabilität einer Gesellschaft und übrigens auch einer Wirtschaft auf Dauer nicht sichern.

Es geht mit anderen Worten nicht darum, sich heldenhaft zu entscheiden, ob wir eigentlich mehr für stabile Verhältnisse sind oder eher für Veränderungen, sondern es geht um die Frage, wie stelle ich die Balance her zwischen Stabilität auf der einen Seite und Veränderungen auf der anderen Seite. Bedauerlicherweise gibt es keinen ein für alle Mal richtigen Balancezustand, sondern diese Balance muss ständig neu gesucht werden. Das ist wiederum eine Aufgabenstellung, die sich für Wirtschaftsunternehmen, für Betriebe, aber auch für öffentliche Einrichtungen, für Städte, für Länder und für den Bund in ähnlicher Weise stellt.

Und ich will eine dritte Grundeinstellung hinzufügen, die ich dann an zwei Beispielen versuche, ein bisschen zu exemplifizieren. Und diese dritte Grundeinstellung lautet: Von allen möglichen theoretisch denkbaren Optionen für die Bewältigung der Zukunft ist die am wenigsten wirklichkeitsnahe, die Bewahrung des Status Quo. Das gelingt sicher nicht. Die Frage ist bei genauem Hinsehen nicht, ob alles so bleiben kann wie es ist, sondern die Frage ist, wie es sich verändert, wo es sich verändert, in welchem Tempo es sich verändert? In welche Richtung es sich verändert? Wer mit welchen Mitteln auf welche Veränderungen aktiv gestaltend Einfluss nimmt?

Der letzte Punkt ist deswegen vielleicht von besonderer Aktualität, weil wir uns im Augenblick in einer Situation befinden, wo vertraute Rahmenbedingungen, also genau das, was ich vorhin als eine der Voraussetzungen formuliert habe, nicht nur ins Gerede gekommen sind, sondern in Zweifel gezogen werden. Über die Mindestbedingungen einer funktionierenden Weltwirtschaftsordnung gab es schon einmal einen größeren Konsens als gegenwärtig. Und sich nur einen Augenblick vorzustellen, es gäbe heute so etwas wie eine globale Verhandlung darüber, wie man sich denn die Rahmenbedingungen einer funktionierenden Weltwirtschaft vorstellt, führt zu der einigermaßen ernüchternden Perspektive, dass schon die Einberufung dieser Konferenz höhere Kosten verursachen würde, als von dem Ergebnis her zu rechtfertigen wäre.

Die transatlantischen Beziehungen, eine der stabilen Rahmenbedingungen, auf die wir über Jahrzehnte hinweg sowohl politische wie wirtschaftliche Kooperationsstrukturen begründet haben, waren nie weniger sicher als jetzt. Nie konnten wir für diese überschaubare Zukunft weniger als jetzt uns darauf verlassen, dass wir ganz sicher mit den Vereinigten Staaten als Europäer einen politischen wie in wirtschaftlichen Fragen verlässlichen, ähnlich denkenden und ähnlich handelnden Partner haben würden.

Und der Zustand der Europäischen Union ist auch so wie er ist. Nie war diese Europäische Union größer als jetzt mit immer noch 28 Mitgliedsstaaten und insgesamt 500 Mio. Einwohnern, aber nie zuvor waren sich diese 28 Staaten so uneinig darüber, was sie eigentlich in Zukunft aus dieser Zusammenarbeit machen wollen.

Bei genauem Hinsehen geht es – eingestanden oder uneingestanden – um die Frage: wollen wir eigentlich gemeinsam nach vorne oder jeder für sich zurück? Das ist der eine, nur mit wenigen Sätzen heute Nachmittag zu behandelnde Anwendungsfall meines Plädoyers für die Suche nach einer neuen Balance zwischen Stabilität und Veränderung; der andere, für uns alle natürlich im buchstäblichen Sinne naheliegende Anwendungsfall ist, das Ruhrgebiet. Dass diese Region im Wandel ist, muss nun nicht mehr im Einzelnen erläutert werden und dass für diese Region sicher noch mehr als für manche andere die Einsicht zutrifft, dass wir eine Option sicher nicht haben, nämlich alles so zu lassen, wie es jetzt ist, erschließt sich logisch eigentlich relativ schnell, ist aber nicht die täglich erkennbare Verhaltensorientierung der wichtigsten Akteure in dieser Region. Für die Wirtschaft formuliere ich das jetzt einmal als Vermutung, für die Politik als gesicherte Tatsache. Da kann ich das beobachten und beurteilen.

Wir haben aber alle miteinander eine Verantwortung für das, was daraus wird. Unter vielerlei Gesichtspunkten gibt es im Übrigen auch wenig spannendere Projekte für Veränderungsprozesse als diese Region, die im Übrigen ja schon jetzt eigentlich die größte deutsche Stadt ist, beinahe doppelt so groß wie die deutsche Hauptstadt, größer als die drei nächstgrößeren deutschen Städte zusammen, größer als mehr als die Hälfte aller Bundesländer, größer als die Hälfte aller Mitgliedsländer der Europäischen Union, die sich aber immer noch im Zustand einer Selbstverzwergung über mangelnde Aufmerksamkeit beklagt und am liebsten eine Dauersubventionierung aus beliebigen nationalen oder europäischen Kassen anstelle der Selbstbefreiung zu neuen Ufern erreicht.

Allein dieser Aspekt ist ein hinreichender Grund heute Nachmittag zu kommen, denn das was hier stattfindet, gefällt mir natürlich schon allein aus diesem Grunde außerordentlich gut, dass es genau hier stattfindet, wo gewissermaßen vom Ort her betrachtet eine Epoche der Wirtschaftsgeschichte, nicht nur der Region, sondern der deutschen Industriegeschichte zu Ende geht und man sich dann eben nicht darauf zurückzieht zu sagen, na ja gut, da geht jetzt was zu Ende und dann machen wir schöne Abschlussfeste und das war‘s dann auch, sondern sich mindestens zeitgleich – am besten rechtzeitig vorher - mit der Frage beschäftigt: und was kommt dann? Was machen wir denn dann mit dem, was wir an Vorgaben finden, was sicher nicht weiter zu führen ist, und wo gibt es Anknüpfungspunkte, die sich unter Berücksichtigung vorhandener Möglichkeiten erkennbarer Optionen ins 21. Jahrhundert verlängern lassen?

Über dieses Thema haben wir viel – insbesondere auch mit Hubert Schulte-Kemper – in verschiedensten Gremien und bei verschiedensten Gelegenheiten diskutiert. Auch Herr Gramke ist mit diesem Thema nicht nur bestens vertraut, sondern auch mit den Klageliedern, die in diesem Zusammenhang immer wieder gerne von gleichen und wechselnden Teilnehmern angestimmt werden. Und natürlich gilt für dieses, wie für andere notwendige Veränderungsprozesse: Sie finden nur dann statt, wenn es Leute gibt, die sagen: Jawoll, da sehe ich meine eigene Aufgabe. Nicht alleine, aber jedenfalls auch. Wo nicht jeder auf den Nachbarn wartet und sagt, wär ganz schön, wenn was passiert, aber ich muss das ja nicht unbedingt machen.

Diese Region ist mit Blick auf die Vergangenheit sicher eine der wichtigsten Kerne der wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes gewesen, ohne das, was im Ruhrgebiet über Jahrzehnte hinweg an wirtschaftlicher Leistung stattgefunden hat, wäre der Aufbauprozess der Republik mit all den direkten und indirekten Wirkungen, gar nicht möglich gewesen. Aber diese Region muss jetzt für sich die Frage beantworten, was sie aus dem Potential machen will, das es hier zweifellos gibt, auch dann, wenn man den Teil gewissermaßen in der Bilanz abbucht, der sicher nicht mehr zu den zentralen Assets der Zukunft gehören kann. Denn wenn man all das betrachtet, was es in dieser Region längst gibt, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell, einer Region, um nur das Wissenschaft-Stichwort gerade mal aufzugreifen, in der es heute etwa 200.000 Studenten gibt, mehr als in irgendeiner europäischen Metropolregion und übrigens 40-mal so viel wie vor 50 Jahren, dann wird deutlich, dass es Entwicklungen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis geben kann. Aber in der Wahrnehmung wiederum separiert in ein erstaunlich breit gefächertes Hochschulsystem, sowie wir überhaupt ein breit gefächertes System von allem und jedem haben, was manche Vorzüge, aber den erheblichen Nachteil hat, dass niemand die geballte Ladung des Potentials zur Kenntnis nimmt, dass es in dieser Region längst gibt. Keine Region in Deutschland bleibt soweit hinter ihren Möglichkeiten zurück wie das Ruhrgebiet, nicht, weil es die Möglichkeiten nicht gäbe, sondern weil wir zu wenig daraus machen und uns an manchen Stellen auch nach wie vor mit lokalem Ehrgeiz wechselseitig im Wege stehen. Jedenfalls sind all die Anläufe, die es ja durchaus gegeben hat, dieser Region auch politisch in stärkerem Maße eine Stimme und damit auch ein größeres Gewicht zu geben, aus Gründen im Sande verlaufen, die ich Ihnen jetzt erläutern könnte, aber mit Blick auf die Gemütlichkeit der Veranstaltung jedenfalls heute Nachmittag für mich behalte.

Das andere große Thema, mit dem wir uns beschäftigen müssen, auch und gerade unter diesem gleichen Gesichtspunkt „Status Quo“ ist keine Option, ist Europa. Unter den vielen Aspekten, die dabei jetzt eigentlich eine intensivere Beschäftigung verdienen, will ich auf zwei aufmerksam machen:

Das eine, ist die für mich jedenfalls offenkundige, auch unvermeidliche Wirkung, die die Digitalisierung auf die Gestaltungskraft von Staaten hat und die natürlich nicht nur Europa betrifft, aber eben Europa auch betrifft. Der zweite Hinweis, den ich geben möchte, ist der Hinweis auf Zahlen. Und den zweiten Hinweis müsste ich gar nicht geben, wenn er nicht von Bedeutung wäre für den ersten Punkt, den ich zunächst erläutern will. Wenn man sich mit den direkten und indirekten Wirkungen von Digitalisierung und Globalisierung beschäftigt, dann kann man mit, wenn überhaupt, leichter Übertreibung sagen: In Zeiten der Globalisierung lösen sich die Nationalökonomien auf. Es gibt keine Volkswirtschaften im klassischen Sinne mehr oder freundlicher formuliert, es gibt sie noch, aber nur noch als Recheneinheit. Wir können immer noch statistisch das Sozialprodukt in beliebigen Territorien ermitteln und Veränderungen des Sozialprodukts messen, aber Handlungsfelder haben mit gewachsenen territorialen Grenzen immer weniger zu tun. Es ist eine der irreversiblen Folgen der Digitalisierung, dass wir heute in einer Welt leben, in der Daten, in der Informationen überhaupt verfügbar sind, prinzipiell an jedem Platz der Welt gleichzeitig verfügbar sind. Hinter diesen Punkt können wir nie wieder zurück, völlig gleichgültig, ob man das eher für ein Verhängnis oder eher für eine Errungenschaft hält. Es ist jedenfalls eine Tatsache und hinter diesen Umstand werden wir nie zurück können. Sie hat im Übrigen, was auch bis heute jedenfalls im öffentlichen Bewusstsein nicht angekommen ist, zu einer spektakulären Veränderung der Hebelwirkungen in Wirtschaftszusammenhängen geführt, wenn man mal das Verhältnis von – wie wir das heute wieder so schön “Realwirtschaft“ nennen – also Güter- und Dienstleistungswirtschaft auf der einen Seite und Finanzmärkten auf der anderen Seite betrachten. Es ist natürlich kein Zufall, dass in den etwa 25 Jahren, also in dem Vierteljahrhundert, in dem der Digitalisierungsprozess stattgefunden hat, sich das Verhältnis der Größenordnung dieser beiden Teile jeder lebendigen Wirtschaft völlig umgekehrt hat. Vor 25 Jahren war das Weltsozialprodukt – also die Summe aller auf diesem Globus erzeugten Güter und Dienstleistungen ungefähr achtmal so groß wie das Volumen aller jährlichen Finanztransaktionen. In den letzten 25 Jahren hat sich das Weltsozialprodukt ungefähr verdreifacht oder vervierfacht und die Summe der sogenannten synthetischen Finanzprodukte hat sich in diesen 25 Jahren verzweihundertfacht mit der Folge, dass heute das Volumen der Weltfinanzmärkte jetzt zehnmal so hoch ist wie das komplette Weltsozialprodukt. Da muss man übrigens auch nicht mehrere Semester Volkswirtschaft studiert haben, um einen Eindruck von den veränderten Hebelwirkungen zu bekommen. Und in einer solchen Welt verlieren vertraute Grenzen immer mehr an Bedeutung: So lange wie es die Menschheit gibt, hat sie sich mit Erfolg darum bemüht, vorgefundene Grenzen zu überwinden, territoriale physische Grenzen aller Art. In Zeiten der Globalisierung gibt es fast keine Grenzen mehr, die nicht überwunden werden können und sie werden täglich, nein, sie werden in Millisekunden durch Computerclicks überwunden, einschließlich der individuellen Entscheidung, im Rahmen welcher Rechtsordnung, in welcher Art von Geschäftstätigkeit sie abzuwickeln sind. Das führt zu dem Punkt, auf den ich aufmerksam machen möchte, weil er eine erhebliche Bedeutung für uns in Europa hat, zugegebenermaßen für andere auch, wobei man manchmal den Eindruck haben könnte, als fielen uns die Empfehlungen für Dritte viel leichter, als die Lösungen der Herausforderungen, vor denen wir selber stehen.

Die wichtigste politische Folge der Digitalisierung und der Globalisierung ist, dass Nationalstaaten zunehmend das verlieren, was jahrhundertelang der Kern ihres Selbstverständnisses war, Souveränität. Die Vorstellung, Herr der eigenen Angelegenheiten zu sein - heute müsste man natürlich ohnehin sagen, “Damen und Herren der eigenen Angelegenheiten“, aber an diese erweiterte Formulierung müssen Sie sich jetzt gar nicht mehr gewöhnen, weil schon die Kurzfassung überholt ist. Es gibt keinen Staat auf diesem Globus mehr, der in klassischem Wortsinn Herr seiner eigenen Angelegenheiten wäre, und wenn wir heute beispielsweise über den Regulierungsbedarf von Finanzmärkten reden, dann wird’s besonders anschaulich. Jeder Versuch einer nationalstaatlichen Regelung hat den Verdacht der Aussichtslosigkeit gegen sich, weil es nirgendwo leichter ist, sich genau den Regelungen zu entziehen, die man gerade aus guten Gründen glaubte, vereinbaren und beschließen zu müssen.

Was heißt das für uns? Wenn richtig ist, was ich zu Beginn gesagt habe, dass die Fähigkeit zur Bewältigung von Veränderungen auch und gerade von einem Mindestmaß an belastbaren, stabilen Rahmenbedingungen abhängt, dann müssen wir ein vitales Interesse an diesem Mindestmaß stabiler Rahmenbedingungen haben, dann müssen wir aber auch für uns selbst die Frage beantworten, wie groß ist unsere Erfolgsaussicht als Deutscher, als Brite, als Franzose - von solchen liebenswürdigen Giganten wie Zypern und Malta gar nicht zu reden -  wie groß ist unsere Aussicht, operativ Einfluss auf die Rahmenbedingungen einer globalen Welt nehmen zu können. Und da will ich Ihnen zwei Zahlen nennen. Als der europäische Integrationsprozess vor genau 60 Jahren mit den römischen Verträgen zur Gründung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG geführt hat, die am 1. Januar 1958 in Kraft getreten ist, hatten die damals 6 westeuropäischen Gründungsstaaten Deutschland, Frankreich, Italien und die 3 Beneluxstaaten zusammen etwa 200 Mio. Einwohner. Und das waren damals knapp 10 % der Weltbevölkerung. In den 60 Jahren seitdem ist die europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu einer politischen Union von 28 west-, mittel- und osteuropäischen Staaten angewachsen mit zusammen jetzt noch 500 Mio. Einwohnern, und diese 500 Mio. Einwohner einer 28 Staaten umfassenden politischen Union stellen jetzt noch knapp 7 % der Weltbevölkerung dar. Und wenn, wie angekündigt, die Briten, im größten Irrtum ihrer jüngeren nationalen Geschichte, im nächsten Jahr, wie beschlossen, die Gemeinschaft verlassen, werden sie die ernüchternde Erfahrung machen, dass sie außerhalb Europas weder an Souveränität gewinnen noch an Attraktivität. Das Kontinental-Europa schrumpft von 500 Mio. Einwohnern auf knapp 440 Mio. Einwohner. Dies wird in 20 Jahren nur noch 5 % der Weltbevölkerung ausmachen. Es gibt überhaupt nur noch ein einziges europäisches Land, das mit seiner Einwohnerzahl 1 % oder mehr der Weltbevölkerung darstellt: Deutschland. Und am Ende dieses Jahrhunderts werden auch wir unter dieser Relevanzschwelle liegen.

Wenn wir Europäer, was mir naheliegend erscheint, Interesse daran haben, dass auf diesem Globus nicht jeder sein eigenes Ding macht, sondern dass es ein Mindestmaß an Bedingungen gibt, auf die sich jeder verlassen kann, wenn wir gleichzeitig feststellen, dass sich um uns herum viele vertraute Strukturen auflösen und manches, was wir ein für allemal für sicher hielten, längst nicht mehr sicher ist, dann müssen wir die Frage beantworten, wie können wir sicherstellen, dass es einen solchen Mindesteinfluss auf die Geschäftsbedingungen einer globalen Welt gibt. Und diese Chance haben wir ganz sicher wenn überhaupt nur als Europäer gemeinsam, oder wir haben keine Chance - kein einziges europäisches Land, kein einziges, Deutschland nicht und Frankreich nicht und Italien nicht, um mit Aussicht auf Erfolg Einfluss auf die Geschäftsbedingungen im wörtlichen und übertragenen Sinne einer globalen Welt zu nehmen. Und gerade deshalb sehe ich mit einer Mischung aus Bekümmernis und Verzweiflung auf den Zustand einer Europäischen Union, die statistisch nie größer war als jetzt und die nie so wenig wie jetzt wusste, was sie eigentlich mit den gemeinsamen Herausforderungen in Zukunft anstellen soll.

Deshalb möchte ich jetzt zum Schluss die schöne Gelegenheit nutzen, dass hier heute nicht nur bedeutende Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sitzen, sondern auch junge Leute, die ich besonders herzlich begrüßen möchte. Die Fragen, die ich hier angesprochen habe, sowohl die der Region Ruhrgebiet wie die Fragen Europas betreffen ältere Herrschaften wie mich oder Hubert Schulte-Kemper noch für eine begrenzte Anzahl von Jahren. Aber das, worüber wir hier reden oder jedenfalls dringend reden müssen, betrifft Sie für den bei weitem größeren Teil Ihres noch bevorstehenden Lebens. Das ist Ihre Zukunft, um die es hier vor Ort und hier in Europa geht.

Und zu den erfreulichen, längst für selbstverständlich gehaltenen, aber eben natürlich nicht naturgegebenen Bedingungen gehört, dass wir das selbst beeinflussen können. Es hat ja bei manchem und vielem, worüber sich klagen lässt, noch nie günstigere Verhältnisse zur eigenen Beeinflussung der Entwicklung des eigenen Landes und dieses Kontinents gegeben als jetzt. Wir leben ganz sicher nicht in der besten aller möglichen Welten, aber bessere Verhältnisse, als die, die wir jetzt in Deutschland haben, hat es auf hierzulande noch nicht gegeben. Und auch in Europa haben wir in einer 2 ½-tausendjährigen Geschichte – wenn wir das mal bei den ollen Griechen beginnen lassen – gerade mal seit knapp 20 Jahren zum ersten Mal einen Zustand, in dem ausnahmslos in allen europäischen Ländern demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen im Amt sind. Mit anderen Worten, wir können selbst entscheiden, was wir wollen, falls wir wissen, was wir wollen. Wenn wir in Kenntnis dessen, was wir hinter uns haben und in einer jedenfalls hinreichenden Ahnung dessen, was wir vor uns haben, die Möglichkeiten, die es gibt, nicht nutzen, haben wir Anspruch auf den Titel der dämlichsten Generation, die auf diesem Kontinent je gelebt hat. Das ist unsere Verantwortung. Das ist eine Verantwortung, die weder ein Staat – wie immer er auch organisiert ist – noch die Wirtschaft, noch die Kultur, noch die Wissenschaft jeweils für sich allein lösen kann, sondern wo es in einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung immer wieder das Ringen um die Balance gehen muss zwischen Stabilität und Veränderung - in der nüchternen Einsicht: Eine Option haben wir nicht: dass alles so bleibt wie es ist."

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